Was war neu auf der CROI?
Die CROI 2026 in Denver hat erneut gezeigt, wie schnell sich die HIV-Medizin weiterentwickelt. Auffällig war in diesem Jahr vor allem zweierlei: Einerseits wird die Therapie immer flexibler, einfacher und langfristiger planbar. Andererseits wurde auf der Konferenz so deutlich wie lange nicht mehr, dass wissenschaftlicher Fortschritt allein nicht genügt. Denn neue Medikamente helfen nur dann, wenn Menschen sie auch tatsächlich bekommen. Genau daran drohen derzeit politische Kürzungen, Stigmatisierung und soziale Ungleichheit zu rütteln.
- Doravirin/Islatravir
Eine wichtige Therapie-Neuigkeit der CROI 2026 war die Phase-3-Studie zu Doravirin/Islatravir als einmal täglich einzunehmende Zwei-Wirkstoff-Kombination für den Therapiebeginn. Nach 48 Wochen war das Regime dem häufig eingesetzten Biktarvy® „nicht unterlegen“: 91,8 % unter Doravirin/Islatravir und 90,6 % unter BIC/FTC/TAF erreichten eine Viruslast unter 50 Kopien/ml. Das zeigt, dass auch jenseits der etablierten Integrase-basierten Standardtherapien neue, schlankere Optionen möglich sind.
Wer Unverträglichkeiten, Wechselwirkungen oder Resistenzen gegen Integrasehemmer hat, könnte also künftig von einer zusätzlichen Alternative profitieren. Man sollte die Daten aber nicht überdehnen: In die Studie wurden keine Personen mit wesentlichen NNRTI- oder NRTI-Resistenzen und keine Menschen mit aktiver Hepatitis B aufgenommen. Zudem traten in der Doravirin/Islatravir-Gruppe bei zwei Teilnehmenden Resistenzmutationen auf, während im Vergleichsarm keine neuen Resistenzen beobachtet wurden.
- Bictegravir/Lenacapavir
Mindestens ebenso spannend waren die Ergebnisse der ARTISTRY-1-Studie: Es wurde eine Kombination aus Bictegravir und Lenacapavir getestet, die speziell für Menschen gedacht ist, die bislang komplizierte Mehrfachregime einnehmen müssen (etwa wegen Resistenzen, Unverträglichkeiten oder anderer Einschränkungen). Nach 48 Wochen hatten 96% der Teilnehmenden eine nicht nachweisbare Viruslast im Vergleich zu 93,5% in der Vergleichsgruppe, die ihr komplexes Regime beibehielt.
In einer weiteren Studie, ARTISTRY-2, war BIC/LEN auch als Umstellungs-Option für Menschen, die unter Biktarvy® eine nicht nachweisbare Viruslast erreicht hatten, erfolgreich: 93,5 % im BIC/LEN-Arm und 90,6 % unter Biktarvy blieben nach 48 Wochen unter der Nachweisgrenze.
- In Zukunft lang wirksam
CROI 2026 stand stark im Zeichen langwirksamer Strategien. Diskutiert wurden nicht nur BIC/LEN und Doravirin/Islatravir, sondern auch einmal wöchentlich einzunehmende orale Kombinationen, injizierbare Kombinationen mit breit neutralisierenden Antikörpern sowie weitere langwirksame PrEP- und Therapieansätze.
Die klassische tägliche Standardtablette wird dadurch nicht verschwinden, aber sie wird künftig vermutlich nur noch eine von mehreren gleichwertigen Formen der Behandlung sein. Manche werden bei der täglichen Tablette bleiben, andere werden längere Einnahme- bzw. Injektions-Intervalle bevorzugen.
- Lenacapavir-PrEP: Wirksam trotz seltener Durchbruchsinfektionen
In den großen PURPOSE-Studien bestätigte sich eine extrem hohe Schutzwirkung von Lenacapavir als PrEP. Zugleich wurden aber seltene Durchbruchsinfektionen unter pünktlich verabreichten Injektionen intensiv diskutiert – ein wichtiges Thema, weil gerade langwirksame Prävention in der öffentlichen Wahrnehmung oft als „nahezu absolut“ verstanden wird.
In PURPOSE-1 bei jungen cis-Frauen in Subsahara-Afrika infizierten sich trotz Lenacapavir bisher nur zwei von mehr als 2.000 Teilnehmerinnen in der noch laufenden Studie; in den Vergleichsarmen mit Tabletten-PrEP gab es 77 Infektionen. In PURPOSE-2 bei Männern, die Sex mit Männern hatten, und gender-diversen Personen traten im randomisierten Teil drei HIV-Infektionen unter Lenacapavir gegenüber zwölf unter oralem TDF/FTC auf. Die Gesamteinschätzung bleibt daher: Lenacapavir schützt außerordentlich gut. Aber die CROI hat auch gezeigt, dass PrEP-Forschung jetzt in eine neue Phase kommt: Nicht mehr nur „wirkt es?“, sondern „warum versagt es in seltenen Einzelfällen trotz ausreichender Spiegel?“ Vier der fünf Serokonversionen unter Lenacapavir waren mit Lenacapavir-assoziierten Resistenzmutationen verbunden; die Ursache der Durchbrüche ist aber bislang ungeklärt. Langwirksame PrEP ist ein großer Schritt nach vorn, aber sie ist kein magischer Schutzschild. Gute Beratung, Tests und Begleitstrukturen bleiben unverzichtbar.
- Einmal jährlich PrEP rückt näher
Gilead stellte das Design der PURPOSE-365-Studie für eine einmal jährliche Lenacapavir-PrEP vor. Geplant ist eine intramuskuläre Dosis von 3.000 mg mit zusätzlichen Tabletten zu Beginn. Noch ist das keine klinische Routine und auch kein Wirksamkeitsbeweis aus einer abgeschlossenen Phase-3-Studie, aber allein die Tatsache, dass ein solches Konzept nun konkret geprüft wird, zeigt, wie stark sich Prävention gerade verändert. Für viele Menschen könnte genau darin der Schlüssel liegen: Nicht jede Person will oder kann täglich Tabletten einnehmen oder alle zwei Monate eine Injektion organisieren. Eine jährliche PrEP würde die Hürde für manche erheblich senken. Gleichzeitig erinnert CROI 2026 daran, dass eine technisch brillante PrEP ohne gerechte Preis- und Zugangsmodelle wenig nützt. Auch bei einer Jahres-PrEP wird sich am Ende entscheiden müssen, ob sie ein Luxusprodukt für wenige oder ein Public-Health-Instrument für viele wird.
- On-demand-PrEP ist endgültig im Alltag angekommen
Ein sehr praxisrelevanter Befund kam aus Frankreich: Die Prévenir-Studie bestätigte nach acht Jahren, dass sowohl tägliche als auch anlassbezogene orale PrEP wirksam und sicher sind. Über 3.200 Menschen an 26 Standorten nahmen teil; viele wechselten im Studienverlauf zwischen täglicher und 2-1-1-PrEP. Insgesamt war die Inzidenz sehr niedrig, und die meisten Infektionen traten auf, wenn PrEP nicht oder nicht verlässlich eingenommen wurde. Gleichzeitig zeigte Prévenir auch eine soziale Schieflage: Während HIV-Fälle unter in Frankreich geborenen Teilnehmenden sanken, nahmen sie bei im Ausland Geborenen zu. Wissenschaftlich gute Prävention allein reicht also nicht; sie muss auch die Menschen erreichen, die bislang schlechteren Zugang haben.
- Gute Prävention ist mehr als ein Medikament: Hausbesuche und flexible Angebote wirken
Ein wichtiges Ergebnis kam aus ländlichen Regionen in Kenia und Uganda. Im SEARCH-Programm reduzierten Hausbesuche, wohnortnahe Tests, Beratung und flexible Überweisungen in Präventions- und Behandlungsangebote die HIV-Inzidenz innerhalb von zwei Jahren um 70 %. Diese Daten zeigen, dass selbst die beste PrEP oder die modernste Therapie ihren Nutzen nicht automatisch entfalten. Menschen müssen Informationen erhalten, Vertrauen aufbauen können, ohne Scham getestet werden und unkompliziert an Versorgung gelangen. Für Menschen mit HIV steckt darin eine wichtige politische Botschaft: Versorgung ist dann am besten, wenn sie aktiv auf Menschen zugeht – nicht erst dann, wenn Betroffene alle Hürden selbst überwinden müssen.
- Menningokokken-Impfung schützt doch nicht vor Tripper
Eine Hoffnung weniger im Kampf gegen Gonorrhö: Daten einer großen australischen randomisierten Studie vorgestellt zeigen, dass die Meningokokken-B-Impfung 4CMenB (Bexsero®) nicht vor Gonorrhö schützt. Untersucht wurde das bei mehreren hundert schwulen und bisexuellen Männern mit hohem Infektionsrisiko. Die Zahl der Gonorrhö-Infektionen war in der Impfgruppe praktisch genauso hoch wie in der Placebogruppe. Damit haben sich frühere Hoffnungen auf einen „Neben-Schutz“ dieser Impfung gegen Tripper in dieser Studie nicht bestätigt.
Wichtig ist trotzdem: Die Impfung bleibt eine sinnvolle Schutzmaßnahme gegen bestimmte Meningokokken-Erkrankungen — nur eben nicht gegen Gonorrhö.
- Heilungsforschung: kleine Fortschritte, aber noch kein Durchbruch
Auch die HIV-Heilungsforschung war auf der CROI 2026 präsent. Besonders beachtet wurde eine Studie mit den Immunmodulatoren Budigalimab und Trosunilimab. Bei etwa einem Viertel der Teilnehmenden schien sich der virale Rebound nach Therapiepause zu verzögern. Das ist wissenschaftlich interessant, weil es zeigt, dass sich die Immunantwort bei manchen Menschen beeinflussen lässt. Die Ernüchterung folgte aber gleich mit: Ein dauerhafter Schutz vor Rebound wurde nicht erreicht, die Viruslasten stiegen später doch wieder an, und die Entwicklung dieser Kombination wird nicht weiterverfolgt. Die Foschung kommt voran, aber die Remission ohne ART bleibt schwierig. Genau das spiegelte auch die Konferenzarchitektur wider: Heilung war ein prominentes Thema der Eröffnung, aber nicht als Durchbruchsmeldung, sondern als langfristiges Ziel.
- Wird das Immunsystem nach langer ART wieder besser?
Bei Untersuchungen zum Immunsystem von Menschen mit HIV werden meist Menschen gewählt, die erst relativ kurze Zeit eine HIV-Therapie einnehmen. Bei ihnen finden sich Hinweise, dass die Immunzellen „erschöpft“ sind (exhausted), bzw. nicht so schlagkräftig sind, wie sie sein sollten (dysfunctional, senescent). Und mit dem Alter, so glaubte man bisher, würde das dann immer schlimmer.
Nun untersuchte die Arbeitsgruppe von Victor Appay Menschen, die seit mehr als 20 Jahren eine HIV-Therapie erhielten und fand bei etwa einem Drittel der untersuchte Proben Überraschendes: Es gibt Anzeichen dafür, dass sich diese Immunzellen regenerieren können und sogar wieder ein „jugendliches“ Potenzial erreichen („stemness“). Bisher hatte man nicht geglaubt, dass dies möglich wäre. Diese „verjüngten“ Immunzellen erkannten auch HIV und könnten damit bei Heilungsstudien eine wichtige Aufgabe übernehmen. Bisher tendierte man dazu, bei solchen Studien Langzeitinfizierte eher auszuschließen, weil man davon ausging, dass deren Immunsystem zu stark geschädigt sei. Vielleicht eignen sich aber genau diese Menschen besonders gut für Heilungsversuche! Dies ist nur eine Untersuchung mit wenigen Menschen und muss noch durch weitere Studien bestätigt werden, aber sie lässt zumindest hoffen.
- Leben mit HIV heißt auch: Herz-Kreislauf-Gesundheit ernst nehmen
HIV-Medizin umfasst heute weit mehr als Virusunterdrückung. Eine neue REPRIEVE-Analyse zeigte, dass ein Cholesterinsenker nicht nur schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse senkt, sondern auch das Risiko für neu auftretenden Bluthochdruck um 17 % reduzierte. Zugleich verdoppelte neu auftretender Bluthochdruck in der Studie das Risiko für ein späteres schweres kardiovaskuläres Ereignis.
Das ist für Menschen mit HIV wichtig, weil kardiovaskuläre Risiken oft zu spät wahrgenommen werden. Die Daten sprechen dafür, Blutdruck, Gewicht, Blutzucker, Bewegung, Alkohol und Rauchverhalten nicht als „Nebenthemen“ abzutun. Interessant – und noch weiter zu verfolgen – ist außerdem der Hinweis aus zusätzlichen Analysen, dass Integrasehemmer mit einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck zusammenhängen könnten. Das spricht nicht gegen diese Wirkstoffklasse, ist aber ein Signal, genauer hinzuschauen.
Fazit
Die CROI 2026 war in vieler Hinsicht eine Konferenz der Wahlmöglichkeiten. Mehr Optionen für Therapie, mehr Optionen für PrEP, mehr Ideen für langwirksame Versorgung. Die Behandlung wird individueller, und Prävention wird bequemer und wirksamer. Besonders stark waren in diesem Jahr Doravirin/Islatravir, Bictegravir/Lenacapavir, die weitere Entwicklung von Lenacapavir-PrEP und die Bestätigung flexibler Präventionsmodelle vertreten.
Aber ebenso klar war die zweite Lehre: Fortschritt ist verletzlich. Medikamente allein beenden keine Epidemie. Es braucht verlässliche Finanzierung, politischen Schutz für Wissenschaft, kluge Versorgungssysteme und den festen Willen, auch diejenigen zu erreichen, die am leichtesten übersehen werden. Genau darin lag vielleicht die eigentliche Stärke dieser CROI: Sie hat nicht nur neue Daten geliefert, sondern auch daran erinnert, dass HIV-Forschung und HIV-Gerechtigkeit untrennbar zusammengehören.
Auswahl, Übersetzung und Zusammenfassung: S. Schwarze unterstützt von ChatGPT 5.2.
Da die Videos der Präsentationen und die Original-Abstracts nur für registrierte Kongressteilnehmer:innen verfügbar sind, wurde ausnahmsweise auf eine Quellenangabe verzichtet.
Dieser Beitrag erscheint in Kooperation mit Projekt Information e.V. (https://www.projektinfo.de)